Freitag, 29. Juli 2011

Wichtige Informationen zur Lage der Freiheit

Ich verlasse den Club, es ist schon hell und die Vögel zwitschern. Mein Schädel brummt.

Einige Stunden früher hielt ich es für ein gute Idee, mit dem Fahrrad zu fahren.

Falsch.

Das Schutzblech kratzt am Reifen, ich trete in die Pedale. An einer Ampel muss ich bremsen, das Quietschen fühlt sich an wie ein Besuch beim Zahnarzt.

Ich fahre weiter, die Sonne geht auf, aber schwarz bleibt schwarz.

Die Fahrradkette springt vom Ritzel und ich muss anhalten.

Ein Penner schaut kurz zu mir herüber. Er sieht aus wie Penner eben aussehen. Er hat eine Flasche Wodka in der Hand, sie ist leer - er scheint es noch nicht bemerkt zu haben - und führt sie immer wieder zu seinen Lipppen.

Seine ganze Habe befindet sich in einem Einkaufswagen.

Seine Kleidung scheint lebendig zu sein und wartet sehnsüchtig auf Spenderorgane.

Er schaut mir zu während ich mich mit meiner Kette abmühe.Er schaut wieder weg, bemerkt das seine Flasche leer ist und wirft sie auf die Straße.Wenig später schaffe ich es die Kette wieder einzulegen, ich kann weiterfahren.Eine Bäckerei hat bereits geöffnet, ich folge dem Geruch von frischen Backtriebmitteln und Emulgatoren.

Ich nehme mir einige Brötchen. Der Penner schaut zu mir herüber. Ich fülle noch eine Tüte mit belegten Brötchen. Ich bezahle, gehe hinaus auf die Straße, drücke dem Penner die Tüte in die Hand. Aus keinem besonderen Grund- einfach weil ich es kann.

Er bedankt sich und sagt ich sei ein guter Mensch. Gierig isst er die Brötchen, es ist kein schöner Anblick. Das meiste bekommen die Tauben. Ich steige auf mein Fahrrad.

Ich fühle mich gut, ich habe etwas Gutes getan.

Doch die kleine Maude Shuffle in meiner Hosentasche holt mich zurück und spielt Keep on rockin' in a free world.

Ich bin wütend. Ich fahre schneller, meine Wut verfährt nicht.Mein Schädel brummt immer weiter, Realitätsflucht macht einen üblen Kater.

Ich denke an den Penner, er ist frei.

Einige Stunden später verlasse ich mein Bett.Ich schalte meine Spielkonsole ein.Wenig später tritt ein grimmig aussehender Serbe einem Penner ins Gesicht, aus keinem besonderen Grund - einfach weil er es kann.


(c) 2010 Johannes Fries

Mittwoch, 8. Juni 2011

Schublade auf, Schublade zu



Albumrezension: Mona - "Mona"

Label: Island Records


1995...Es war einmal eine Band namens Oasis, die mit „Wonderwall“ eine große Hymne erschuf.

1999 fuhr eine Band namens Travis ebenfalls einen sehr beachtlichen Erfolg mit ihrem Album „The man who“ ein. Auf eben diesem Album war die Singleauskopplung „Writing to reach you“ enthalten. Ein schöner, netter Song, der aber rotzfrech die Akkorde von „Wonderwall“ klaut und in leicht umgestellter Reihenfolge abspielt. Travis-Sänger Fran Healy war auch noch so nett und baute die Textzeile „And what´s a wonderwall anyway?“ rein.

So einfach bekommt man Aufmerksamkeit...

...2011: Eine Band aus Nashville, Tennessee namens Mona bringt ihr selbstbetiteltes Debüt-Album auf den Markt und kopiert, ob gewollt oder nicht, prägnante Facetten vom bewährten Kings of Leon-Sound nebst Vita:

  1. Kings of Leon kommen auch aus Nashville.

  2. Beide Sänger sind Priestersöhne und

  3. wollen beide auf immer größere Bühnen.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Man kann Mona teilweise schon vorwerfen, dass sie sich nach dem Kuckucksprinzip in ein gemachtes Nest legen. Wenn Songs wie „Listen to your love“ oder „Trouble on the way“ erklingen, dann drängen sich Bilder der Followill-Brüder vor das geistige Auge.

Aber das wirklich große Plus, das Mona den Hintern rettet, liegt schlicht und einfach in der Qualität dieser elf Songs. Die eben genannten können einem übrigens ordentlich die Falten aus der Hose bügeln. Der Rest der Platte kippt hier und da auch mal ins leicht Kitschige ab, behält aber immer einen knackigen und rockenden Kern, der die 35 Minuten nur allzu kurzweilig macht. Sänger Nick Brown klingt in den ruhigeren Passagen (z.B. auf „Say you will“) nach Bono (Schublade auf, Schublade zu), was aber nicht weiter stört. Nicht ohne Grund sind Mona auf Island Records, dem Haus-und-Hof-Label von U2 gelandet.

Im grandiosen „Shooting the moon“ schreit sich Nick dann wieder gekonnt die Seele aus dem Leib. Apropos Stimme: Caleb Followill mag zwar die außergewöhnlichere Stimmlage haben, aber Nick Brown trägt sein Herz auf der Zunge und legt viel mehr Emotionen in die Songs rein. So!

Zum krönenden Abschluß gießt Brown himself nochmal Öl ins Feuer:

„Of course the SEX is hot, we wrote she´s ON FIRE“

(Mona - „Lines in the sand“)

Tja, so einfach bekommt man Aufmerksamkeit...

Fazit:

„Das ist die Band, die so klingt wie...“: Dieser Satz birgt viel Risiko und Potential zugleich. Er ist in der Musikindustrie oft eine Image-Sackgasse und kann bei ganzen Scharen von Hörern unnötige Vorurteile schüren. Auch ich war am Anfang sehr skeptisch, bin aber nach einigen Durchgängen mit der Platte mehr als zufrieden, weil die Songs so verdammt catchy, knackig rocken und voller Herzblut sind. Da kann es auch mal nervig schunkeln („Pavement“), aber meine Aufmerksamkeit haben Mona in der Tasche.

...2018: Mona und die Kings of Leon spielen auf großen Bühnen und teilen sich das Erbe von U2

Ich habe nichts dagegen!

7/10


by Markus Klemt

Hier der Live-Clip zu "Shooting the moon"

Montag, 6. Juni 2011

Namen

21:36h

-Eine Schande ist das.

-Was glaubst du wie alt er ist?

-War.

-Ja, wie alt er war?

-16,17 höchstens 18. Ist aber schwer zu sagen, so wie die ihn zugerichtet haben.

Der Junge liegt zwischen den Mülltonnen in einer Gasse neben einem Restaurant, auf ihm liegen Essensreste und ein paar Zeitungen vom Vortag.

-Eine Schande ist das.

-Ja.

Der ältere der beiden Polizisten wirft seine Zigarette auf den Boden.

-Hey, das ist ein Tatort!

-Jaja... viel schmutziger kann es eh nicht werden.

21:37h

-Ruf den Gerichtsmediziner und die Spurensicherung

-Schon erledigt.

-In Ordnung.

Die beiden Polizisten verlassen die Gasse und gehen zum Streifenwagen. Der ältere sagt dem Uniformierten der den Jungen gefunden hatte er solle ihn nicht aus den Augen lassen.

Die beiden Polizisten lehnen an ihrem Fahrzeug.

Der ältere zündet sich eine Zigarette an. Er hält seinem jüngeren Kollegen die Packung hin.

-Hab doch aufgehört, die Dinger bringen dich um.

-Menschen bringen dich um. Wieso hast du aufgehört?

-Wegen dem Baby.

-Ach ja... wieso hörst DU mit dem Rauchen auf wenn deine Frau schwanger ist?

-Ich will gesünder leben, ich trage bald einen Haufen Verantwortung.

-Irgendein Arschloch wird dir eh früher oder später eine Kugel in den Kopf jagen.

-Fang du nicht auch noch an. Meine Frau hängt mir schon seit Monaten in den Ohren ich solle mich in den Innendienst versetzen lassen.

-Hmhm... wann soll das Baby denn kommen?

-War für gestern ausgerechnet. Kann jeden Moment so weit sein.

-Und, wisst ihr schon einen Namen?

-Wir hatten an Peter gedacht.

21:38h

Der Uniformierte kommt aus der Gasse gerannt.

-Herr Komissar!

-Was?

-Äh... ich glaube der Junge lebt noch.

-Mach keinen Scheiss!

Die beiden Polizisten rennen in die Gasse. Der Ältere stößt den Uniformierten weg.

-Platz da!

Er beug sich über den Jungen und fühlt seinen Puls.

-Verdammt! Ich dachte ich könnte heute pünktlich Feierabend machen!

Der Ältere Polizist blickt zum Jüngeren.

-Was stehst du rum? Ruf einen Notarzt!

Er blickt zum Uniformierten.

-Sie holen den Verbandskasten aus dem Auto!

21:39h

-Schnell sie müssen mir helfen! Meine Schwester ist bewusstlos, sie ist schwanger!

-Wievielter Monat?

-Neunter.

-Wie lange ist sie schon bewusstlos?

-Seit grade eben. Es ging ihr nicht gut, sie wollte ins Krankenhaus. Sie ist im Auto einfach weggenickt. Sie müssen ihr helfen!

Die Schwester ruft einen Arzt aus. Eine Minute später wird die Schwangere in den OP gebracht.

Ihre Schwester nimmt ihr Handy aus der Tasche und telefoniert.

21:41h

Die beiden Polizisten stehen vor dem Restaurant, der Krankenwagen ist vor einer Minuten ins Krankenhaus gefahren.

-Verdammte Scheisse! Wie kann einer sowas überleben?

-Weiss ich nicht.

-Dreck! Der sah aus als wäre ein Laster über ihn drübergerollt!

Ein Handy klingelt, der Jüngere geht dran.

-Ja? Was? Oh Gott. Ich bin unterwegs.

-Was ist los?

-Ich muss ins Krankenhaus.

-Scheisse! Hätten wir gleich mitfahren können!

Der Jüngere steigt wortlos ins Auto, die Beiden fahren los. Schnell.

-Hey! Wir haben kein Blaulicht. Mach mal halb lang!

-Keine Zeit. Es gibt irgendwelche Komplikationen.

21:42h

Der Junge wird auf einer Liege schnell durch das Krankehaus geschoben.

-Was haben wir hier?

-Männlich, zwischen 16 und 17 Jahre alt. Vitalzeichen schwach. Multiple Frakturen an oberen Extremitäten, Rippen und Schädel. Mehr können wir noch nicht sagen.

-Krankengeschichte? Allergien? Irgendwas?

-Negativ, der Patient konnte noch nicht identifiziert werden.

-Fantastisch! Sofort in den OP!

Zwei Pfleger heben den Jungen auf den OP-Tisch.

21:43h

Die beiden Polizisten stürmen in den Empfangsbereich.

-Wo ist meine Frau?!!

-Sie befindet sich im OP.

-Wieso? Gestern war noch alles in Ordnung!

-Ihre Frau hatte einen vorzeitigen Blasensprung. Das Baby hat sich nicht gedreht, der Arzt wird einen Kaiserschnitt durchführen. Machen sie sich keine Sorgen, das ist heutzutage ein Routine-Eingriff.

21:44h

Ein langer Pfeifton erklingt. Eine Schwester haut mit der flachen Hand auf einen großen roten Knopf an der Wand. Wenige Sekunden später bringen zwei Pfleger einen großen Kasten in den OP.

Der Chirurg hält zwei lange Metallstäbe in den geöffneten Brustkorb des Jungen.

Sein Herz zuckt kurz.

-Nochmal!!!

Das Herz zuckt erneut.

-Nochmal!!!

Das Herz zuckt.

21:46h

Die beiden Polizisten sitzen im Wartebereich, eine Ärztin geht auf sie zu.

-Herr Hauptkommissar, Herr Kommissar. Das ist jetzt vielleicht ein schlechter Zeitpunkt, aber können sie mir irgendwas über den Jungen sagen den sie in der Gasse gefunden haben.

-Wir haben ihn nicht gefunden, wir waren nur die ersten Kriminalbeamten am Tatort.

-In Ordnung, wissen sie denn irgendetwas über ihn?

-Leider nein. Kein Ausweis, keine Brieftasche, wir gehen von einem Raubmord aus.

-Naja... hätte ja sein können.

Eine Schwester betritt den Wartebereich. Der jüngere Polizist springt sofort auf.

-Was ist mit meiner Frau und meinem Baby?

-Das weiss ich nicht, ich komme von einer anderen Operation.

21:47h

-Ich vernähe jetzt den Schnitt.

-Sehr gute Arbeit Herr Doktor.

-Danke, das hätte böse enden können. Tragen sie bitte noch die Daten auf die Armbänder. Sagen sie dem Vater das es seiner Frau gut geht, und er einen gesunden Sohn hat.

Die Schwester nimmt sich zwei verschieden große Armbänder. Sie schreibt auf beide den Zeitpunkt der Geburt.

21:48h

-Zeitpunkt des Todes: 21:47 Uhr, 23.05.2009. Wir haben getan was wir konnten.

Zwei junge Männer kommen in den OP.

-Bringen sie den Jungen in die Pathologie.

Der kleinere der beiden jungen Männer wird blass.

-Äh... ich bin hier eigentlich nur Zivi, ich bin mir garnicht sicher ob ich sowas darf.

-Wissen sie wo die Pathologie ist?

-Ja, schon.

-Dann bringen sie den Jungen dahin, verdammt!

-Äh... in Ordnung.

Die beiden jungen Männer heben den Jungen auf eine Liege.

21:50h

Sie schieben den Jungen zur Pathologie.

-Was ist denn mit dem los gewesen? Wieso kackt der mich so an?

-Mach dir nix draus, der is immer so drauf wenn ihm einer gestorben ist.

-Hm... ja, ist ja auch echt scheisse.

-Jepp.

Der Kleinere schaut das erste Mal auf den Jungen. Er bleibt stehen.

-Oh Scheisse!

-Was? Wieso bleibst du stehen.

-Scheisse, Scheise, Scheisse!

-Was???

-Ich kenn den Typen.

-Scheisse, ein Freund von dir?

-Nein, nein. Scheisse.

Der Kleinere setzt sich auf den Boden.

-Ja was jetzt?

-Du erinnerst dich an den Zivi vor mir? Den sie gefeuert haben weil er Medikamente geklaut hat?

-Ja.

-Der Junge hier, der hing öfters mit dem rum.

Der Größere schaut auf das Krankenblatt.

-Hm... hier steht nichts von Drogen. Also hier steht garnichts. Die wissen auch nicht wer der war, Weisst du wie der hieß?

-Nur den Vornamen, Peter.

21:51h

(c) Johannes Fries 2010

Samstag, 19. März 2011

The King of Loops

Album-Rezension:
Radiohead – The King of Limbs

(erscheint als LP und CD am 25.03. - Label: XL Records. Bereits als Download erhältlich unter www.thekingoflimbs.com)

Das achte Studioalbum der Oxforder Band Radiohead lies drei Jahre auf sich warten. Nun ist es Dank der Freiheiten, die das Internet besitzt und die einer mittlerweile autarken Band wie Radiohead nun mal innewohnen, innerhalb einer knappen Woche ins Netz gestellt worden. Diesmal waren weder Tracklist, noch ein Albumtitel vorab bekannt. Eine Situation also, die für einen Radiohead-Fan durchaus mit Weihnachten gleichzusetzen ist. Auf einmal gab es mit „The king of limbs“ einen typisch mysteriös klingenden Titel und kurz darauf einen ersten Videoclip für den neuen Song „Lotus Flower“ (den ich auch unten gepostet habe). Und letztendlich an einem Freitag (Radiohead hießen früher mal „On a friday“) durfte man dieses Mal gegen einen Obolus das Werk downloaden. Öffnet man dieses Daten-Paket für 7,-€ oder 36,-€ (um zeitverzögert mit einem mysteriösen „Newspaper-Album“ in physischer Form beliefert und mit Artwork überhäuft zu werden), so ist man erstmal baff, da das Album mit 37 Minuten und gerade mal 8 Songs so verdammt kurz geraten ist. Aber: dies ist Radiohead, und das Vertrauen in die Qualität der Songs überwiegt jegliches Aufwiegen mit Zahlen.

Beim ersten Hören fällt auf, dass „The king of limbs“ (benannt nach einem uralten Baum mit unglaublich vielen Ästen, irgendwo in einem englischen Wald) das wohl rhythmischste Album von Radiohead ist. Drums, Claps und Percussions findet man überall und teileise übereinander. Außerdem wird der Bandsound vom Vorgänger „In Rainbows“ durch eine Vielzahl an Loops (also Soundschleifen) ersetzt (in etwa so viele Schleifen, wie ich in diesem Artikel Klammern benutze). Die ersten vier Songs („Bloom“, „Morning Mr. Magpie“, „Little By Little“ und „Feral“) repräsentieren deutlich die neue Richtung, den vermeintlich neuen Sound. Gitarren hört man selten und wenn, dann auch nur abgehackt oder orientalisch verzerrt (ähnlich einer Sitar – in „Little by Little“). Generell wird es dem Hörer bewusst schwer gemacht, organisches Drumming von Schlagzeuger Philip Selway von Drumcomputern auseinander zu halten. Der warme und virtuos gespielte Bass von Colin Greenwood dagegen haucht diesem etwas unterkühlten ersten Teil des Albums Leben ein. Man kann der Musik deutlich besser folgen, als z.B. bei einem Monolith von Album wie „Kid A“. Dafür wirkt vieles etwas verkrampft und zu verkopft, aber nie langweilig.

Aaaaaaaaaaaaaaber dann folgt der zweite Teil mit der „Single“ „Lotus Flower“, dem unglaublichen „Codex“, dem wunderschönen „Give up the ghost“ und schließlich „Separator“.

„Lotus Flower“ greift sich die Rhythmusverliebtheit und den hervorgehobenen Bass aus Teil eins und bildet zusammen mit dem wunderschönen Gesang von Thom Yorke das Highlight der Platte. Dann, weil das Rappeln im Karton nicht schöner werden kann, ziehen Radiohead einfach mal den Stecker und entschleunigen für knapp fünf Minuten mit „Codex“ die Welt. Stress auf der Arbeit gehabt? Hören sie „Codex“ und alles ist wieder gut – wow, was für ein Song! „Give up the ghost“ knüpft daran wunderbar an und erinnert an ein wärmendes Lagefeuer. Ja, eine nicht zu leugnende Wärme macht sich in der zweiten Hälfte breit, der den ersten eher kühlen Experimentierkasten des ersten Teils in den Auftaumodus führt. Mit „Separator“ wacht nicht nur Thom Yorke auf („Wake me up“ singt er da) und das Album findet seinen ungewöhlichen, aber verdienten Abschluss. Denn „Separator“ ist das Gegenstück zum vertrackten, jazzigen und schlatrunkenen Opener „Bloom“ - der Beat hüpft so klar, rein und fit, wie ein Turnschuh. Die Wandlung die „The king of limbs“ nimmt, mündet also in pure Energie, die eigentlich Lust auf mehr macht (und dies obwohl der Drumbeat mal wieder geloopt ist – und ich schon wieder eine Klammer nutze). Thom Yorke singt passend dazu: „And if you think this is over, then you´re wrong“ (To be continued?)

Fazit:

Radiohead haben sich diesmal nicht komplett neu erfunden, was aber nicht schlimm ist, denn „The king of limbs“ ist ein kurzes, aber knackiges Werk geworden. Obwohl der Albumtitel auf einen Baum verweist, ist das Werk durch die vielen Loops dann doch nicht so musikalisch verästelt beziehungsweise windungsreich, wie seine Vorgänger. Immerhin geht die zweite Hälfte wie altes Wurzelwerk doch sehr schön in die Tiefe. Viele Fans erwarten aufgrund der Kürze, dass dieses Jahr noch mit einer Fortsetzung zu rechnen ist. Egal, was passiert, der Hörer weiß nun zwei Dinge mehr über Radiohead:

  1. Dass Weihnachten (ohne dass man es ahnt) manchmal nur wenige Tage entfernt ist.

  2. Dass Radiohead auch nur mit kaltem Wasser kochen (musikalisch gesehen, ne?)

(Markus Klemt)

7/10 Punkten



Radiohead - Lotus Flower von h0nki

Freitag, 26. November 2010

First they built the road, then they built the town...

Album-Rezension: Arcade Fire - The Suburbs

von Markus








Wenn ich an Arcade Fires 2007er Album „Neon Bible“ denke, dann fehlen mir teilweise die Worte. Adjektive, wie dunkel, rätselhaft, getrieben oder auch apokalyptisch kommen mir da in den Sinn. Ein „Black Mirror“, der die katastrophale Bush-Ära widerspiegelt oder besser gesagt das Hauptgefühl dieser Zeit auf unglaubliche Weise vermittelt: schiere Angst.

Nun ist es 2010. Win Butler, der Sänger und Kopf hinter Arcade Fire hat nun, da Obama im Amt ist, politisch wohl nix mehr zu bemängeln. Aber ein Genie wie Butler ist auch immer ein getriebener Geist, der seine Umwelt hinterfragt. So geschehen, als er mit seiner Frau Reginé den Ort besuchte, wo er aufgewachsen ist: die Suburbs (Vorstadt) von Houston.

Auch als TV-Zuschauer und Europäer kennt man die Bilder dieser Vororte. Man siehe sich Filme wie American Beauty, Edward mit den Scherenhänden oder TV-Serien wie Desperate Housewives oder Weeds (Vorspann reicht) an, um diesen künstlich erschaffenen Ort kennenzulernen.

Aber wie ist es, dort wirklich aufzuwachsen? Und lohnt sich diese Jugend? Ist die Stadt nicht viel besser? Ist erwachsen zu sein nicht viel besser? Gibt es eigentlich so etwas wie Heimat? Würde man die Jugendfreunde, die man aus den Augen verloren hat heute in den unendlichen Schluchten der Großstadt wiederfinden? War damals alles besser, als man sich noch echte Briefe schrieb und Tage, ja, Wochen auf eine Antwort wartete?

Wer nun Antworten auf diese Fragen haben will, der wird in den Texten Butlers oft auf ein sattes „Jein“ stoßen, oder sich halt selber eine Meinung bilden können. „The Suburbs“ ist mit 16 Songs ein wahres Füllhorn an Themen, Perspektiven und Erinnerungsfetzen. Dabei gibt es keine direkte Story, keinen roten Faden. Eher wird eine Gefühlswelt eingefangen, die zu komplex ist, um sie mit ein paar Worten zu definieren. Ein Vergleich zwischen der wilden, unschuldigen Jugendzeit in den Suburbs und dem Leben als „Modern Man“ als Erwachsener findet statt. Obwohl Win und Reginé die Suburbs offensichtlich als letztlich unmenschlichen und unwirklichen Ort sezieren, hält er von dem Leben in der Warteschlange (genial beschrieben im Song „Modern Man“) genauso wenig. Und so erinnert er sich auch an die guten Momente in den Suburbs. Wenn man dieses Album mit einem Wort beschreiben will, dann würde ich „Wehmut“ wählen.

Musikalisch geht es ebenfalls facettenreich zu. Es ist schon eine Wucht, was Arcade Fire alles ins neue Werk reingepackt haben: Vom wunderbar schunkelnden Titelsong „The Suburbs“ zum unglaublichen Uptempo-Rocker „Ready to Start“ zum punkrockenden und an Ramones erinnernden „Month of May“ zum 80ies Synthie-poppigen „The Sprawl II“ (um hier nur einige anzureißen). Okay, Arcade Fire erfinden sich hier nicht gänzlich neu. Manches erinnert noch an Springsteen und Bowie. Außerdem bleiben ihrem großen Markenzeichen treu: der Wende im Song! Es gibt oft überraschende Tempiwechsel, die einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubern und gleichzeitig das Herz rausreißen können. Neu und erfrischend anders ist der deutlich reduziertere Sound. Die Kirchenorgel aus „Neon Bible“ ließen die Kanadier glücklicherweise weg. Trotzdem bleibt die Musik immer spannend und vielschichtig.

Arcade Fire haben sich laut eigenen Angaben unglaublich viel Mühe gegeben einen Rocksound zu finden, bei dem die Sythesizer so organisch mit der Gitarre verwoben sind, dass man sie kaum merkt. Das ist ihnen wahrlich geglückt. Alles in allem hat die Band ihr musikalisch zugänglichstes Werk abgeliefert.


Fazit:

„The Suburbs“ ist ein Album, dass einfach in allen Kriterien punktet. Es funktioniert als miteinander verwobenes Gesamtwerk, aber viele Songs würden auch wunderbare Singles abgeben bzw. haben dies schon getan (Ready to start, We used to wait, The Suburbs/Month of May). Generell gibt es nur wenige schwächere Songs (Half Light I + II, Deep Blue). Man kann das Album einfach so hören, oder sich in die Texte und die Gefühle Butlers hinein versetzen, bis sich ein komplexes und stimmiges Gesamtbild ergibt.

Für mich ist diese Platte mit jedem Hören gewachsen und das, obwohl sie schon beim ersten Durchgang eine Wucht war. Also, dies hier sag ich nur einmal und nie wieder:

Wer Ohren hat, der höre! Wer ein Herz hat, den wird zumindest „Suburban War“ bewegen. Und wer sich nur etwas für Musik interessiert, der sollte dieses Album zumindest kennenlernen!


Freitag, 19. November 2010

No Shelter here

Ich höre grade die letzten Takte von Sympathy for the Devil, der Abspann läuft. Hinter mir liegt eines der besten Spiele der letzten 10 Jahre. Ich hätte niemals gedacht das ich so etwas mal über ein Call of Duty schreiben würde, erst recht nicht über eines von Treyarch.
Die Jungs haben mal eben so, eine der besten Stories der Videospielgeschichte abgeliefert.


Wir sind Alex Mason, ein amerikanischer Soldat.
An einen Stuhl gefesselt werden wir verhört. Es geht um Zahlen, einen Code, wir wissen nicht warum wir gefangen gehalten werden. Wir beantworten Fragen die uns Flashbacks bescheren.

Gleich der erste Flashback führt uns nach Kuba, genauer gesagt nach Kuba ins Jahr 1961, 17. April 1961. Die Invasion der Schweinebucht ist in vollem Gange, wer in Geschichte aufgepasst hat weiss jetzt schon, das geht nicht gut aus.
Nach straff inszenierten Gefechten töten wir Fidel Castro, nur um Minuten später gefangen genommen zu werden. Wir haben leider nur einen Doppelgänger erwischt, der echte Fidel übergibt uns an den sowjetischen General Dragovich, dieser verfrachtet uns in den Gulag Vorkuta.

Jahre später können wir mit Hilfe eines anderen Gefangenen entkommen, Viktor Reznov.
In weiteren Flashbacks erleben wir die Tet-Offensive im Jahre 1968 mit. Ein Flashback im Flashback führt uns sogar ins Jahr 1945 zurück und die Nazis dürfen mal wieder Kanonenfutter sein.

Mehr möchte ich von der Story nicht verraten, dafür ist sie einfach zu gut.

Call of Duty Black Ops macht nahezu alles richtig, eine packende Story die stets verständlich bleibt, eine grandiose Wendung vor dem großen Finale und eine Schlussblende die ich so in keinem Shooter gesehen habe, den zu erwartenden Hurrapatriotismus sucht man hier vergebens.
Hinzu kommt eine Charakterzeichnung die ihres Gleichen sucht. Ich verstehe Reznovs Wut, Woods Fatalimus und Hudsons Kälte.
Wenn bei der ersten Ankunft in Vietnam Fortunate Son läuft ist das ganz großes Kino, das funktionierte ja auch schon bei Forrest Gump.

Black Ops ist in jeder Hinsicht besser als sein direkter Vorgänger Modern Warfare 2, für dessen Geschichte sich sogar Dan Brown geschämt hätte.
Grafik und Sound sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

9 von 10 Tagen in Dallas.

Kaufen! Spielen! Sofort!

- Johannes


Entwickler: Treyarch
Publisher: Activison
Systeme: Xbox 360, PS3, PC

Getestet wurde die Xbox 360 Version

Mittwoch, 17. November 2010

Wie die Schafe

Hin und wieder lese ich alte GameStar Kolumnen, in einer Ausgabe aus dem Jahr 2004 wurde sich über Steam beschwert. Der aktuelle Ego-Shooter Hit Half-Life² war an den Download-Service von Valve gekoppelt. Ohne Steam-Account kein Half-Life².

Was heute als völlig normal akzeptiert, und von vielen sogar als Service-Leistung wahrgenommen wird, führte damals zu Boykottaufrufen.
- Kontenbindung
- Eingabe persönlicher Daten
- Weiterverkauf unmöglich
- Zwingende Internetverbindung
Der Untergang des Abendlandes für Spieler schien bevorzustehen.
Nun ja... wir haben es geschluckt und weitergemacht.

Mittlerweile benötigt jeder nennenswerte PC-Titel eine Onlineaktivierung via Steam, Games for Windows Live, Blizzards Battle.net oder Ähnlichem. Begrenzte Anzahl der Installationen oder sogar eine permanente Internetverbindung sind nur die vorläufigen Höhepunkte dieser Entwickling.

All das trieb mich vor ca. zwei Jahren zu den Konsolen, seitdem wird am PC allenfalls noch Echtzeitstrategie gespielt.
Heute habe ich meinen ersten Onlinekey für ein Konsolenspiel aktivieren müssen, Need for Speed - Hot Pursuit nutzt den neuen Onlinepass von Electronic Arts. Ohne diesen ist der Multiplayerpart passé.
Die Konsolen ziehen also nach.

Werde ich deswegen aufhören Videospiele zu spielen?
Aller Wahrscheinlichkeit nicht, dafür machen sie zu viel Spaß. Wir werden immer wieder wütend über das Verhalten der Hersteller, bei jeder neuen Ankündigung zum Thema DRM wütet der Forenmob, als gäbe es kein Morgen. Am Ende des Tages werden dennoch erneut Rekordverkäufe gemeldet.

Traurig aber wahr, wir sind die Schafe.